Morgenrot - 10 Jahre ein sicherer Ort

Friedrichshafen. 2. Mai 2016. Iris Gerster und Nicole Schäfer starten in ihren ersten Arbeitstag. Auf dem Tagesplan: Vorstellung der Fachberatungsstelle Morgenrot im gesamten Bodenseekreis. Motiviert will das Duo losziehen - da klingelt es plötzlich an der Tür. Die erste Beratungsanfrage. Für Iris Gerster und Nicole Schäfer beginnt ein neues, großes Projekt. Und vom ersten Tag an scheint es unverzichtbar.
Nunmehr seit zehn Jahren existiert die spezialisierte Anlaufstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die von sexualisierter Gewalt betroffen oder bedroht sind. Vor über zehn Jahren setzten sich Entscheidungsträger*innen der Stadt Friedrichshafen, aus dem Bodenseekreis mit der Caritas Bodensee-Oberschwaben und dem Caritasverband Linzgau-Bodensee zusammen, um diesen überfälligen Schritt zu gehen. Schon damals war die Nachfrage für ein niedrigschwelliges und kostenfreies Beratungsangebot für Betroffene von sexualisierter Gewalt groß. Nur die Struktur und die Finanzkulisse fehlte. Mit dem ersten Tag wuchs das Netzwerk schnell und Morgenrot etablierte sich in Windeseile zu einer verlässlichen und vertrauensvollen Anlaufstelle. Was die Arbeit des Morgenrot-Teams damals wie heute ausmacht: Dass es sich konsequent, vertraulich und parteilich an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert. Diese Spezialisierung zeichnet Morgenrot aus. "Bei dem Thema sexuelle Grenzverletzung sind in der Regel die Beteiligten emotional sehr aufgeladen und neigen dazu, schnell handeln zu wollen. Im schnellen Handeln neigen wir zu Fehlern. Die Kolleginnen von Morgenrot helfen uns, bedacht vorzugehen", heißt es aus der Bereichsleitung des Fachdienstes Kinder- und Jugendhilfe.
Flexibles Hilfeangebot für mehrere Zielgruppen
Das aktuelle Team der Fachberatungsstelle Morgenrot von links: Iris Gerster (Leiterin), Nicole Schäfer, Nicole Kramer und Bettina Staudacher.
Morgenrot
Aus einer Schockstarre rauszukommen, den Betroffenen Angst, Scham und Unsicherheit zu nehmen, Handlungswege aufzuzeigen - all das passiert beim Erstkontakt. Eine junge Erwachsene erzählt, welche Erfahrung sie mit Morgenrot gemacht hat: "Die Beratungsstelle kann der erste Schritt sein, über das erfahrene Unrecht zu sprechen, denn oftmals ist die Hürde zur Polizei oder zum Arzt zu gehen, viel zu groß." Eine Mutter schildert Ähnliches: "Während therapeutische Angebote oft mit langen Wartezeiten verbunden sind, bietet Morgenrot schnelle und kompetente Hilfe." Die Hilfe richtet sich nicht nur an Betroffene und deren Angehörige. Auch pädagogische Fachkräfte und ehrenamtlich Tätige wenden sich an Morgenrot, um professionelle, erfahrene Hilfe in Anspruch zu nehmen und Orientierung zu erhalten. Dabei gehen die Beraterinnen dorthin, wo sie gebraucht werden. "Wir sind flexibel, weil es in die Lebenswelt der Menschen passen muss", sagt Nicole Schäfer. Die Fachberatungsstelle bietet Hausbesuche an, berät online oder telefonisch, ist in Kindergärten, in Schulen unterwegs, bietet Teamberatung vor Ort, im Büro der Schulsozialarbeit, begleitet selbst in den Gerichtssaal, ist da für die Zeit des Strafprozesses und auch dann für die Zeit nach Verurteilung. Beim Walk and Talk mit vorgegebenem Sicherheitsabstand zwischen den Personen war auch während der Corona-Pandemie auf Morgenrot Verlass. Traumatisierte Betroffene benötigen zuallererst sichere Orte: "Sie sind da, helfen bei Verzweiflung und ertragen Tränen", sagt eine Lehrerin, die sehr dankbar dafür ist, die Fachberaterinnen an ihrer Seite zu wissen, wenn es um dieses heikle Thema geht. "Als Lehrkraft traut man sich nur dann hinzuschauen, wenn man nachher nicht allein da steht mit der Situation", betont die Lehrerin. Auch eine Schulleitung weiß die Unterstützung von Morgenrot zu schätzen: "Die Beratungsstelle Morgenrot ist für uns eine unverzichtbare, hochprofessionelle Partnerin im Umgang mit Schülerinnen und Schülern, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind."
"Mein Körper gehört mir und ich darf Nein sagen."
Laut aktueller Kriminalstatistik steigen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung stetig. Nicht anders sieht die Entwicklung bei Morgenrot aus: Während in den Jahren 2017 bis 2019 durchschnittlich 59 neue Fälle pro Jahr an der Fachberatungsstelle angekommen sind, waren es 2023 bis 2025 bereits 103 neue Fälle jährlich. Morgenrot begegnete diesem Bedarf all die Jahre mit demselben Personalumfang von derzeit 1,65 Fachkraftstellen. Dazu gehört auch kontinuierliche Präventionsarbeit in den Kindertagesstätten. Durch das Projekt ECHTE SCHÄTZE lernen Vorschulkinder altersgerechte Präventionsbotschaften zu verinnerlichen. Von den Erzieherinnen und Erziehern der Einrichtungen gibt es für das Angebot nur positives Feedback. Eine Erzieherin schildert: "Mit Hilfe des Megafons haben die Kinder geübt, laut und deutlich um Hilfe zu rufen und darauf zu vertrauen, dass sie Unterstützung bekommen können", sagt sie. Und ein Kind berichtet nach einem Tag mit der Echte-Schätze-Kiste: "Mein Körper gehört mir und ich darf Nein sagen."
Dank eines Landeszuschusses für Präventionsprojekte gegen sexualisierte Gewalt wurden bei Veranstaltungen im Jahr 2025 insgesamt 1123 Personen sensibilisiert und geschult. Alle erhaltenen Spendengelder fließen direkt in die Präventionsarbeit von Morgenrot.
Und apropos Finanzierung: Die Fachberatungsstelle gehört zu den Freiwilligkeitsleistungen. Bei den klammen Kassen für den Haushalt 2027 ist die Zukunft daher ungewiss. Dann wird an anderer Stelle entschieden, wie Schicksale verlaufen, woher die Sicherheit und der Selbstwert Betroffener kommt. Iris Gerster und ihr Team leisten schon seit zehn Jahren mit gezielter Intervention und den Präventionsangeboten Hilfe. Sie stellen sich im Jubiläumsjahr die schmerzliche Frage: Wohin sollten Betroffene sich hinwenden, wenn es Morgenrot nicht mehr gäbe?